Die Spielzeit

So, hier ist nun der ausführliche Spielzeitbericht.
Und WIE der ausführlich wird!

Wir fangen mal an bei der Premiere.
Wir hatten ca. 40 Gäste, das Theater Orange war also gut gefüllt. Freunde, Bekannte, Kollegen, Interessierte und Presse waren da.
Die Aufführung lief reibungslos und schön ab, wir machten eine nette kleine Aufzeichnung davon und waren hinterher sehr stolz.
Die Publikumsresonanz war ebenfalls sehr positiv.
Ein kleiner, älterer Herr, der sich als Kritiker vom Theatermagazin „Godot“ vorstellte und folglich umsonst rein kam, nahm sich noch Kontaktadressen von uns mit und bat um Pressefotos, die wir ihm am nächsten Tag schickten. Seine Kritik ist bisher leider nicht erschienen. Aber vielleicht kommt die ja noch.
Lustig, nä? Warten auf Godot … :D
Nach der Premiere war Sauferei. Es gab Sekt, alle hatten gute Laune und bald gab es keinen Sekt mehr.
Zuletzt waren noch Sonny, Lennart und ich übrig.
Nachdem wir so gegen 0 Uhr die Bewohner_innen der Wohnungen über dem Theater mit Gitarrengeschrammel, Gegröle und Freestyleraps beglückt hatten, zogen wir weiter ins Café Oriental, wo wir weiter tranken bis man uns raus schmiss.


Jeden Tag versuchte Lennart tapfer, diese Fackeln im Garten an zukriegen, die den Weg zum Eingang in den Zuschauerraum markieren sollten. Leider brannten sie meistens nur wie Kerzen und zwar für etwa fünf Minuten. Tja – mit Fackeln können die Nazis wohl besser :D

Am nächsten Tag war zwar Kater, aber die Motivation sehr groß.
Dann der Schock: Die Kasse war weg.
Ich hatte sie in weiser Voraussicht im Orange gelassen, um sie nicht betrunken in der U-Bahn zu vergessen. Dann hatten wir gewissenhaft abgeschlossen. Sie musste also noch irgendwo sein.
„Digger, du hast die glaub ich gestern versteckt!“, sagte Lennart.
„Aha? Wo?“ Leider Filmriss.
„Keine Ahnung.“ Leider auch bei Lennart Filmriss, „Aber du hast gesagt >Sie ist an einem sicheren Ort!< " Klingt nach Hangover ...
Sonny wusste auch nicht, wo die Kasse sein sollte und wir suchten und suchten und suchten. Eine Stunde. Ich hatte sie seeehr gut versteckt.
Wir fanden sie schließlich durch Zufall, in den Bühnenvorhang eingewickelt, hinter dem Sofa auf der Bühne. Glück gehabt!
Es kamen zehn Leute. Das war okay, sehr untergrundig eben, mit schönem, zwanglosen Publikumsgespräch im Anschluss.
Ein paar Leute, die im Vorbeigehen auf uns aufmerksam geworden sind und gerne ein Stündchen Theater und hinterher hübsche Fete gehabt hätten ("Nach der Oper gehen wir lecker essen", heißt es in Christoph Schlingensiefs Opernvorfilm "Fremdverstümmelung") gingen zügig, wortlos und irgendwie wütend. Ein schöner Erfolg! :)


Ganz voll bekamen wir die 50 Sitzplätze, die wir im Theater Orange geschaffen haben, leider nie.

Dann kam der dritte Tag. Katastrophentag. Sonntag.
Es fing schon scheiße an mit dieser wahnsinnigen Frau.
Sie kam rein, halbe Stunde vor Einlass, ca. Mitte Vierzig, verlotterte Erscheinung aber auf den ersten Blick fast seriös.
„Was macht ihr hier?“
Ich hielt das für eine freundlich.interessierte Nachfrage.
„Theater machen wir hier. Heute Abend. In ner halben Stunde ist Einlass.“
„Aha. Und wo bitte macht ihr hier Theater? Hier ist gar kein Theater“
„Na ja, schon … Also, hier rum und dann durch die Tür, da ist der Zuschauerraum und da spielen wir dann …“
„Spiel mal was!“
„Also, ich bin hier nur der Regisseur, wie gesagt, in ner halben Stunde machen wir hier Einlass …“
„Ihr seid doch Abzocker! Was macht ihr hier im Clubhaus, wo euch keiner kennt!?“
„Öhm … Clubhaus?“
„Hier, die Gruppe hier, (sie zeigt auf unsere Plakate) >Hackfleisch, Terror, Nazis< die ist im Schlachthof angemeldet und nicht hier!"
Aha? Und warum steht dann "Theater Orange" auf unseren Plakaten? Warum bin ich eigentlich so nett zu der dummen Kuh? Wir heiße "Radikal & Arrogant" und nicht "Hackfleisch, Terror, Nazis" und - verdammt nochmal, warum bin ich eigentlich so nett!?
"So, das reicht mir jetzt. Ich lass mich doch hier nich so scheiße anpöbeln, wo ich Theater mach, ja? Verpiss dich jetzt, hier ist noch gar kein Einlass, klar? RAUS!"
Mein Ensemble, mich so aufgebracht nicht kennend, kam schaulustig herbei. Ich vermute, vor allem Sonnys Erscheinung hat sie eingeschüchtert. Sie ging jedenfalls ohne weitere Anstalten zu machen.
"ABZOCKER!!!", schrie sie noch ein paar mal. Warum auch immer ...


Der unscheinbare Eingang des Theater Orange.


Unser Hinweisschild vor‘m Eingang, damit alle wissen, dass wir HIER spielen und nicht im ominösen Schlachthof. :D

Ich weiß nicht, ob sie den ganzen Abend rachsüchtig durch die Straße gelaufen ist und allen erzählt hat, dass wir Abzocker sind und da gar nicht spielen. Wir hatten an diesem Abend jedenfalls kein Publikum.
Gut, wahrscheinlich lag das nicht an der Verrückten. Hat einfach niemanden interessiert, warum auch immer.
Es kamen zwei Leute, die Lennart abholen wollten, um anschließend mit ihm in den Urlaub zu fahren sowie eine Kritikerin vom Hamburgtheater.de. Kennt ihr? Wir auch nicht.
Tat uns trotzdem sehr leid, die Vorstellung absagen zu müssen. Aber drei Gäste, keine_r davon zahlend – Das geht einfach nicht.
Wir versuchten sogar noch, Leute für umme ins Theater zu locken – Vor 6 oder 7 nicht zahlenden Gästen hätten wir gespielt – Just for Fun. Aber niemand wollte.
Die Kritikerin schien sauer zu sein deswegen.
„Ich komm natürlich nicht wieder, nä? Also, ich hätt euch ja was schreiben können und dann wär die nächste Vorstellung vielleicht erfolgreicher geworden, aber so … Tja.“
Na ja, was soll’s.
Kleiner Spoiler: Die nächste Vorstellung war auch ohne ihre Hilfe gut besucht.


Unser Bühnenbild. Mensch beachte die Neonlampe! Ich liebe die Neonlampe! Die Aufführung steht und fällt mit dieser Neonlampe! Scheiß auf Schauspieler_innen – Technische Spielereien sind der Shit!

Nee. Is Quatsch.
Aber die ist trotzdem richtig, richtig, richtig cool! Wir haben sie zufällig während unserer Endproben im Theater Orange gefunden. Weiß der Teufel warum die da rum lag.


Die rosa Pyramidenboxen, die das Bühnenbild komplettierten und mäßigen Sound für Musik und Einspieler lieferten.

Die nächste Vorstellung war der Sonntag drauf.
Lennart war zwischendurch im Urlaub, und auch wir drei anderen hatten uns entspannt.
Wir hatten alle nochmal Facebook mit Werbung zugebombt und waren halbwegs zuversichtlich, dass es diesmal kein komplettes Disaster werden würde.
Wurde es auch nicht.
Nicht nur kamen wieder Theaterinteressierte, die auf unterschiedlichste Arten und Weisen auf uns aufmerksam geworden waren, es kaum auch noch ein Großteil der aktiven Tostedter Antifa. und das war großartig!
Nicht nur war das Theater damit mal wieder ganz schön gefüllt, auch wurden die vielen Tostedter-Insider gebührend mit Gelächter quittiert. Als die Rede auf Alexander Emilio Wagners „voll hässliche“ Mutter kam, war kein Halten mehr.
Yeah! Krass, wie Menschen, die sich mit der Thematik auskennen und für die es längst selbstverständliche Realität ist, dass es solche Nazis gibt und dass sie SO schlimm sind, befreit über unser Stück lachen können. Menschen, denen das alles neu war, waren meistens hinterher bedrückt und leicht verstört. Die Antifa hatte gute Laune. Da wurden Leute erwähnt, vorgeführt und beleidigt, die es verdient hatten. YEAH!


Der Weg in den Zuschauerraum. Mit Pfeilen markiert und durch den Garten.


Was so alles auf der Bühne konsumiert wird. Bei uns muss kein_e Schauspieler_in verhungern!!! :)

Das nächste Wochenende startete gut. Am Freitag waren vor allem auch Dozent_innen des Bühnenstudios gekommen, wo wir alle unsere Schauspielausbildung gemacht haben, bzw. Sonny und Lennart ihre noch machen.
Eine besondere Ehre also, dass es denen dann offenkundig gefallen hat. „Steht ja für sich“, war die allgemeine Meinung.
„Oft zu laut. Zu doll. Aber soll ja so. Ja … “, hieß es da unter anderem.
Ein Eindruck, der sich objektiver Kritik scheinbar entzog.
Insgesamt war es die albernste Vorstellung der Spielzeit, und das Publikum goutierte das mit viel Gelächter. In den folgenden zwei Vorstellungen wurden die Zwischentöne dann wieder lauter.


Die Kasse. Mein einsamer Posten. Meistens machten wir schon vor 19:30 auf und ich wartete vor jeder Vorstellung in allerhöchster Anspannung auf Gäste. Wie viele würden es werden? Würden überhaupt welche kommen? Wenn vor 19:30 vier Leute da sind, dann ist das ein gutes Omen! Hm, 19:38 und noch niemand da. Egal. Die meisten kommen eh immer erst am 19:45, ist sowieso meine Lieblingsuhrzeit!
Einmal, an unserem düstersten Sonntag, hat Sonny vor der Tür zwei hippe Schweden angequatscht – er ist ja auch Schwede – dass sie doch reinkommen sollen. Aus Höflichkeit ließen sie sich breitschlagen, kamen bis zur Kasse und sagten dann „Uhm … We live right across the street, so, we go change, and then we come back and buy tickets, okay?“
Natürlich kamen sie nie wieder …

Jetzt muss ich ein bisschen war über Kuchen erzählen.
Sonny aka Cornelius fragt am Anfang des Stückes das Publikum, ob jemand Kuchen will. Er hat einen tollen gebacken, zum Führergeburtstag, mit Hakenkreuz drauf – Voll krass, nä? :)
Jedenfalls muss das Publikum den „deutschen Gruß“ machen, um ein Stück zu kriegen. Wollte in den ersten vier Vorstellungen niemand.
Dann hat Sonny Ehrgeiz entwickelt.
Wir fanden das spannend. „Wenn das einer macht?“ war die Frage. Wie geht mensch damit um? Erledigt sich sowas von alleine? Mobbt das Restpublikum den_die Übeltäter_in? Müssen wir die Person rausschmeißen? Was machen wir dann?
Wir fanden das wirklich spannend und hatten Lust auf die Herausforderung. Also hat Sonny mit viel Liebe und Sahne Kuchen gemacht.


Kuchen Nr. 1 war sehr lecker und bis ich ihn fotografieren konnte war die Hälfte aufgegessen. Wir mögen Kuchen. Wir sind auch schon während unserer Proben im Orange unangenehm aufgefallen, weil Sonny und Lennart eine Torte, die im Kühlschrank stand, dezimiert haben. Am nächsten Tag sagte uns ein Zettel, dass wir sie jetzt auch aufessen könnten. Haben wir gemacht. War geil.
Bei uns hält kein Kuchen lange. Auch nicht dieser. Tja …

Es waren wieder etwas mehr als zehn Leute da. Einer hob seinen Arm, als er aufgefordert wurde.
Das ging verdammt schnell, ich konnte das gar nicht sofort realisieren, hinter meinem Laptop, den Sound machend. Sonny reagierte recht cool. Er sagte, seiner Rolle entsprechend „Endlich macht das mal einer!“ und gab dem jungen Herrn einen Teller mit Kuchen. Dann ging die Vorstellung weiter.
Scheiße.
Scheiße. Scheiße. Scheiße.
Da macht einer in meiner Vorstellung den Hitlergruß und kriegt Kuchen dafür? Und sonst nix?
Na ja – Das war der Deal, der dem Publikum angeboten wurde: hebt den Arm und ihr kriegt Kuchen.
Das könnte mensch jetzt im Kunstsinne irgendwie schönreden. Und, na ja, es war eben, was passierte. Der junge Mann war nachdem das Stück vorbei war nicht mehr so richtig stolz drauf – immerhin etwas.
Trotzdem war ich sauer und wollte, dass das nächstes Mal anders läuft.
Sonny machte einen noch viel geileren Kuchen.


Dieses Schmuckstück gab uns erst in der Dernière den endgültigen Triumph, nach dem wir quasi die ganze Spielzeit lang gesucht hatten.

Die Dernière war gut besucht. Das Theater orange war annähernd gefüllt und es wurde viel gelacht.
Die Vorstellung war chaotisch. Ein Stuhl brach zusammen, am Ende flogen Paravans durch die Gegend und alles war sehr entgrenzt.
Das war irgendwie schön. Es gibt glücklicherweise auch von dieser Version unseres Spektakels eine Videoaufzeichnung.
Und wieder wurde der Kuchen genommen. Wieder ging es schnell, viel zu schnell, aber diesmal war ich nicht so erschrocken und fühlte mich nicht so hilflos.
Diesmal riss Sonny mit seiner vom Gehüpfe und Geschrei verschwitzten Hand ein Stück aus seinem Sahnekuchen heraus, drückte es ganz beiläufig zu Matsch und klatschte es dann in die rechte Hand des „Lustigen“, der da so dringend Kuchen gewollt hatte.
Die nächsten 20 Minuten amüsierte ich mich beim Anblick des jungen Mannes, wie er versuchte, das Ekelzeug von seiner „unreinen“ rechten Hand loszuwerden.
Voll die gute Metapher!

Danach mussten wir aufräumen.
DOKUSOAP 3000 war vorbei, und es würde aussehen, als wären wir nie da gewesen.


Unser Hitler-Smiley, der so oft für einen Lacher oder auch gerne mal für heftiges Schlucken gesorgt hatte, ist irgendwo im Dernièren Zerstörungsspektakel kaputt gegangen.


Der Müll: Spaghetti, Kuchen, Salami, Panzertape!


Baustelle!

Und am Schluss kam noch eine letzte Kunstaktion …
Eine Aktion, die wir dokumentierten, und von der ich morgen ein Video hochladen werde. Sobald mein Schnittprogramm seinen Streikt beendet hat.
Freut euch also auf noch mehr Material von DOKUSOAP 3000!
Das Stück könnt ihr nicht mehr sehen, aber wir haben noch so einiges rauszuhauen! :)


1 Antwort auf „Die Spielzeit“


  1. 1 nina 27. März 2012 um 1:26 Uhr

    ich will ne dvd! sowas von. verkauft ne dvd! gefälligst!
    und übrigends….ich glaube bei euch hat jemand die liebe zum kuchen entdeckt. backen macht irgendwie cool ^^
    macht ne dvd und kochen und verkauft dann dvd-kuchen-fan-pakete, oder sowas.

    liebe grüße

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